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Alt 06.12.11, 18:47
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fred-art fred-art ist offline
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AW: NFAC-Adventskalender

Die Deutschen, oder zumindest die Bayern glauben ja eher an das Christkind.
Wenn aber der Rest der Welt eher einem kräftigen Weihnachtsmann zutraut, dass dieser in der Lage ist, dem weihnachtlichen Streß Herr zu werden, dann ist das vielleicht gar nicht so weit her geholt.

Wer jemals im Süden Norwegens war, der wird sich vielleicht auf die Suche nach einem ganz besonderen, nur hier offiziellem Verkehrsschild gemacht haben.
Ein dreieckiges, rot umrandetes Schild mit einem Weihnachtsmann drauf.
Zu finden ist das im kleinen Örtchen Drobak. Hier kommt er her, der bärtige Mann im roten Mantel – meinen zumindest die Norweger.

Wer den Ort betritt, der wird auch mitten im Hochsommer an Weihnachten erinnert.
Viele Geschäfte bieten ganzjährig Weihnachtssachen zum Verkauf und ringen laut lärmend um die Gunst der Besucher.

Wer es dennoch schafft, dem bunten Treiben zu widerstehen der findet ganz unten am Fjord das Julenissens Postkontor.
Ein kleines Haus, das im vorderen Raum noch immer eine kleine Postfiliale beherbergt.
Im hinteren Teil gibt es ein kleines Zimmer, vollgestopft mit Postsäcken und einem klobig aus einem Stamm gesägten Stuhl mittendrin.
Das muß wohl das Büro des Weihnachtsmannes sein, geht es mir durch den Kopf.
Momentan ist er unterwegs, hat alle Hände voll zu tun.
Deshalb nehme ich auf seinem Stuhl Platz und greife wahllos in einen der Postsäcke, hol ein paar mit bunten Marken beklebte Briefe aus aller Welt hervor und beginne zu lesen.
Einen ganz dicken sehe ich mir zuerst an. Er ist von einer Schulklasse aus Japan. Jedes Kind hat seinen persönlichen Wunschzettel geschrieben,
der Lehrer einen ‚Drohbrief‘ hintendran: Ich erwarte, dass Du jedem Kind eine Antwort schickst und lege deshalb schon mal das Rückporto bei.
Kopfschüttelnd lege ich ihn zur Seite und beschäftige mich mit anderen Briefen an den Weihnachtsmann.
Nicht alle kann ich lesen, so viele unterschiedliche Sprachen, der Weihnachtsmann muß ein hochgebildeter Mann sein.

Manche der Wünsche sind so traurig, dass man mitweinen möchte, andere lassen einem das Herz aufgehen.
Lange dauert es, bis ich mich losreißen kann. Auf dem Weg zurück sehen die Farben der Läden und Weihnachtshäuser noch viel greller aus, der Lärm kommt mir noch viel lauter vor.
Erst als ich am besagten Verkehrsschild vorbei bin, kehrt wieder Ruhe ein.
Die leisen Töne von den vielen Briefen klingen noch lange nach und geben mir ein Gefühl von Weihnachten – Weihnachten abseits dessen, wie es sich in meiner Stadt präsentiert.
 
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